ROLAND in den Medien

- A. Menschlich gesehen

- B. Das Erlebnis

- C. Die Wahrheit über die Freimaurer

A. Menschlich gesehen

Unser Br. Bernd im Abendblatt

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B. Das Erlebnis

Von außen scheint es geheimnisvoll: die Rituale, die Regeln, der Handschlag. Von innen ist es sehr solide: der Meinungsaustausch, die Gemeinschaft, die Arbeit. Doch im Kern ist es unbegreiflich: das Leben der Freimaurer.

Text: Christian Litz, Foto: Gianni Occhipinti

-----Florian Hammes-Scheidt ist Freimaurer. Im profanen Leben, so nennt er es, besitzt und leitet der 65-Jährige eine Zeitarbeitsfirma mit sechs Filialen. Aber wichtiger ist ihm, dass er seit knapp 25 Jahren Bruder der Johannisloge zur Hanseatentreue ist, weitere Erkenntnisstufen im Orden erreicht hat und so Bruder der Andreasloge Fidelis sowie des Kapitels Inviolabilis wurde. 40 ist so das Alter, in dem viele zu den Logen kommen, sagt er. „Da hast du eine Familie gegründet, deinen Beruf gefunden, das Haus angeschafft. Man sucht was Neues.“

Der Mann hat eine hanseatische Ausstrahlung. Kleidung, Gestik, Wortwahl. Norddeutsch, bodenständig, zurückhaltend, fast kühl und dabei doch herzlich. Man kann ihn sich gerade noch im schwarzen Frack mit weißem Hemd, weißer Fliege und weißen Handschuhen vorstellen, auf dem Kopf den schwarzen Zylinder. Aber dazu gedämpftes Licht, ein paar große flackernde Kerzen? Sie bilden die Bruderkette, einen Kreis erwachsener Männer, die Hände ihrer Nachbarn haltend, Seltsames sprechend, ein Totenschädel auf dem Tisch, um an die Endlichkeit des Lebens zu gemahnen. Das passt nicht zu Hammes-Scheidt. Er wirkt wie ein sachlicher Kaufmann. Am Ende des Gesprächs wird er sagen, die Loge habe sein Leben geprägt und es ihm – ohne dass er klagen wolle – im Geschäft schwierig gemacht. „Früher war ich beim Heuern und Feuern dabei. Es ging nicht anders in meinem Job, dachte ich. Inzwischen sehe ich das ganz anders. Obwohl es für mich als Unternehmer sehr teuer ist, Freimaurerprinzipien anzuwenden.“ Doch er muss das. Er entlässt weniger Leute, gesteht den Mitarbeitern Fehler zu, geht mehr auf sie ein. Nicht im landläufigen Sinne geschäftstüchtig, aber eben freimaurerisch.

Hammes-Scheidt geht die breite Treppe im großen, imposanten alten Logenhaus nahe der Hamburger Universität hoch und deutet auf die Wappen der Logen auf der Scheibe mit rotem, blauem und grünem Glas. Die Sonne erleuchtet sie wie in einer Sakristei. Sie gehören zum Sprengel seiner Provinzialloge: Zum Großen Christoph, Eintracht an der Elbe, Phönix zur Wahrheit. Hammes-Scheidt erklärt etwas zur Organisation, es ist kompliziert, macht aber klar, dass das nicht das Entscheidende ist. Dabei wirkt er sachlich. Doch mehrmals taucht er aus dieser Sachlichkeit auf, wenn er über die Atmosphäre, die Bedeutung der Rituale, ihre Wiederholung spricht. Immer dann spürt man das Feuer der Begeisterung. Oben auf der Treppe angekommen, sagt er: „Man kann das nicht erklären, das muss man erlebt haben.“ Er meint das Geheime, das kein Profaner erleben darf. „Na ja“, sagt er, „nichts ist wirklich noch geheim. In der Universitätsbibliothek stehen viele Bücher, in denen alles beschrieben ist.“

Freimaurertum ist kompliziert, das Regelwerk, die Rituale kaum nachzuvollziehen. Fast nichts ist mehr geheim, alles irgendwo nachlesbar. Das Internationale Freimaurer Lexikon, das als Klassiker gilt, umfasst 950 Seiten, klein bedruckt und voller Fachausdrücke. Seltsame Worte, schräge Formulierungen, Widersprüchliches, Feinheiten, Insidertum. Das kann lächerlich wirken. Genau wie der Freimaurer-Standardsatz, ohne den keiner, auch Hammes-Scheidt, nicht auszukommen scheint: „Das kann man nicht erklären, das muss man erleben.“ Hat man das fünfmal gehört, besteht die Gefahr, dass dieses Totschlagargument zu einem Witz wird. Die Freimaurer aber brauchen diesen Satz und ihre Rituale, weil man das, was sie sonst bieten, heute auch woanders finden kann. Der Satz sorgt für den Verdacht: Die Freimaurerei bietet eine warme Kuschelecke für Männer, die fest im Leben stehen und etwas wie Freiraum brauchen, Freundschaft, Geheimnisse, was Eigenes. Wir hier drin, ihr da draußen.

Früher war das wohl anders, da waren die Logen nicht nur Geheimnis, Ritual, Mystik, sondern auch Orte des Freigeistes und des Austausches von Gedanken, die anderswo verboten waren. Ein Reservat für Intellektuelle, Avantgarde, fast schon revolutionär, auf jeden Fall modern. Damals standen sie für Fortschritt, heute wirken Zusammenschlüsse, die Frauen ausschließen, altbacken. Es gibt viele Wege, auf denen man ein besseres Ich suchen kann. Den höchsten Erkennungswert der Freimaurerei liefern nun die kleinen Geheimnisse, das Verspielte. Eine kurze Geschichte der Freimaurerei: vom Club der Freidenker zu verfolgten Weltverschwörern

Die Freimaurer-Historie ist erforscht und zerlegt: Im Mittelalter gab es die Kirchenbaumeister, Handwerker, die über die Landesgrenzen von Kirchbaustelle zu Kirchbaustelle zogen und dies mit einem kaiserlichen Freibrief auch durften. Diese Handwerker, die unabhängiger waren als andere, hatten Rituale und Erkennungszeichen – der elitäre Kreis wollte unter sich bleiben. Später kamen andere dazu, solche, die keine Kirchen bauten, da waren die Logen schon eher Männerbünde. Im 18. Jahrhundert entstanden in England Logen, die sich auf die freien Maurer beriefen und deren Symbolik benutzten, Winkelmaß und Zirkel. Die Großloge von London und Westminster entstand 1717 und gilt als Ausgangspunkt der spekulativen Freimaurerei, also derjenigen Freimaurer, die nicht mehr wirklich Stein auf Stein setzten.

Von da an verbreitete sich die Clubidee extrem schnell. In jeder Kolonie gründeten britische Militärs und Verwalter ihre Bruderschaften, aber auch überall in Europa entstand eine Loge nach der anderen. Die Mitglieder waren Bürger und Adelige, jeder Mann konnte dazugehören. Standesunterschiede spielten kaum eine Rolle, die Freimaurer waren so etwas wie eine eigene Gesellschaft, allerdings mit einem Schwerpunkt im Bürgertum. Was in der Loge passierte, war geheim, und alle waren gleich. Titel und Geld spielten keine Rolle. Das war eine perfekte Institution, um über Politik zu sprechen. Die Logen machten Meinungsaustausch möglich, sie standen für Fortschritt, waren Protest gegen die Zustände in Staat, Gesellschaft und Kirche. Freimaurer waren Freidenker, eine Elite. Allerdings neigten die Logenbrüder nicht zu politischen Aktionen. Sie tendierten eher zu dem, was später als sittlicher Pathos in den Büchern auftaucht, zur Arbeit an sich selbst, ohne den Willen zur Missionierung. Die Liste der Menschen, die Mitglieder in Logen waren, ist beeindruckend, die folgende Auswahl völlig beliebig: Voltaire, Garibaldi, Mozart, Washington, Franklin, Stresemann, fast alle preußischen Könige seit Friedrich dem Großen. Die Französische Revolution war stark beeinflusst vom Freimaurertum. Zwei Drittel der amerikanischen Gründerväter waren Freimaurer. Der erste US-Präsident Georg Washington legte mit seiner Loge den Grundstein für das Capitol. Die Logen in Frankreich veränderten die Riten und entfernten sich von der Kirche, obwohl sie die Bibel als Symbol nutzten und ursprünglich auf einem christlichen Fundament basierten.

In Deutschland gab es verschiedene Richtungen, die sich an Frankreich, England oder Schweden orientierten. In Preußen waren fast immer die Könige oder wenigstens die Thronfolger Mitglieder. Die Logen waren eher national, was zumindest bis zur Reichsgründung progressiv war. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Logen in der reaktionären Ecke angekommen, auch wenn sie immer noch die persönliche Freiheit, die freie Rede und andere liberale Grundsätze betonten. Aber der Zeitgeist war gegen sie. Generalquartiermeister Ludendorff, mit Hindenburg Oberbefehlshaber des sieglosen deutschen Heeres, schob der Weltverschwörung der Freimaurer die Schuld an der deutschen Niederlage zu. In der Weimarer Republik zog er mit hysterischen Schriften gegen die Freimaurer zu Felde. Ein bezeichnender Satz: „Das Geheimnis der Freimaurerei ist überall der Jude.“ Viele Freimaurer sagen, Ludendorff habe Freimaurer werden wollen, wurde aber abgelehnt und war beleidigt.

Hitler nahm den Freimaurerhass seines Protegés Ludendorff gern auf. Im Dritten Reich wurden Logen zwangsaufgelöst und das Freimaurertum völlig ausgelöscht. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Logen in Deutschland noch immer ein Imageproblem. Sie kamen, trotz ihrer Integrität, nie mehr richtig hoch. Bis heute wird über Nachwuchsmangel geklagt. In Deutschland gibt es, je nach Quelle, zwischen 8000 und 15000 Freimaurer. Immer wieder heißt es, man müsse sich öffnen, damit Junge kommen. Oder Frauen integrieren.

Alle Freimaurer sagen, wir brauchen Nachwuchs, aber jeder einzelne betont auch, gerade seine Loge eigentlich nicht. Der Stolz auf die eigene Gemeinschaft scheint das nicht zuzulassen. Hammes-Scheidt: „Als ich aufgenommen wurde, war der Altersdurchschnitt dieser Loge 56, heute ist er 54. Wir haben uns also verjüngt.“ Seiner Loge gehe es gut, darauf ist er stolz. Sonst aber ist er sehr sachlich bei seiner Art von Öffentlichkeitsarbeit. „Helmut Schmidt hat 2001 als Redner bei der Feier zum 200-jährigen Jubiläum der vereinigten Fünf gesagt: Ihr Freimaurer tut so viel Gutes, ihr müsst auch darüber reden. Das sehen wir anders.“ Bescheidenheit gehört dazu. Alle Logen und Großlogen sind karitativ, früher haben sie vor allem Krankenhäuser finanziert und betrieben, heute fördern sie alles mögliche Gute. Hammes-Scheidts Großloge etwa unterhält mit einer Stiftung ein Heim für schwerstbehinderte junge Menschen, zum Beispiel Multiple-Sklerose-Kranke. Und sie hat Geld für die Opfer der Oderflut gespendet. Alle Logen haben ihre Projekte, und alle halten den Mund. Fotos von Scheckübergaben mit Freimaurern gibt es nicht. Freimaurer arbeiten an sich selbst. Sie verbessern sich und dadurch am Ende vielleicht die Welt.

Das Freimaurerwort schlechthin ist Arbeiten. Freimaurer arbeiten an sich selbst, um bessere Menschen zu werden, nennen die Treffen mit den Ritualen Arbeit. Und diese Arbeit ist ihr Geheimnis. In Büchern von Freimaurern über Freimaurer gibt es immer Passagen wie diese: „Der Ausdruck Arbeit für Logenversammlungen der Freimaurer hat sicherlich manchen profanen Leser verwundert. Die Bedeutung eines ernst genommenen Rituals kann einem modernen Alltagsmenschen kaum nahe gebracht werden. Es erfordert nicht nur die Kenntnisse der Spielregeln, sondern auch innerliches Engagement im Sinne des alchemistischen Leitsatzes ars totum requiret hominem“ (Hans Biedermann, Das verlorene Meisterwort, Bausteine zu einer Kultur-und Geistesgeschichte des Freimaurertums). Der Leitsatz bedeutet: Die Kunst beansprucht den ganzen Menschen.

Ein Freimaurer will nicht die Welt verbessern, sondern sich selbst und damit am Ende vielleicht die Welt. Es geht nicht ums Missionieren, sondern um das Leben von Freimaurer-Ideen. Dinge selbst machen, nicht auf andere warten. Toleranz gehört dazu. Hilfsbereitschaft. Bescheidenheit. Humanitas und Caritas. In den Logen wird nicht über Tagespolitik gesprochen, auch nicht über Religion. Riten spielen eine große Rolle, sie vermitteln das Esoterische, Meditative. Die Wiederholung ist wichtig. Und Symbole sind von Bedeutung. Der Totenschädel steht für die Vergänglichkeit. Der Zirkel ist das Sinnbild der Mäßigung, das rechteckige Winkelmaß ist ein Symbol für das Exakte. Die Freimaurer fangen als unbehauene Steine an, werden durch Arbeit an sich selbst glatter und können dann ihre Rolle in der Mauer übernehmen. Wobei nicht alle gleich sind, es gibt verschieden große Steine mit verschiedener Bedeutung in einer Mauer. Man hilft sich gegenseitig in den Logen. Aber, und da legen alle großen Wert darauf: Geschäftsmaurerei ist tabu. Es dürfen keine Aufträge hin-und hergeschoben werden. Das Business hat draußen zu bleiben, das ist anders als bei den Lions oder den Rotariern.

Es gibt inzwischen auch Frauenlogen, aber die sind nicht wirklich echt. Freimaurertum ist Männersache. Hammes-Scheidt erklärt das damit, dass Frauen bei den Ritualen ablenken würden, beim Streben nach Erkenntnis, bei der Arbeit an sich selbst. Und darum geht es vor allem, um diese Erkenntnis, nicht um Profanes. Aber wer ein Problem hat, kann darüber sprechen, ohne dass etwas nach außen dringt. „Das Schöne ist, dass die Brüder untereinander ein sehr vertrauensvolles und offenes Verhältnis haben. Oft reicht es ja schon, über seine Probleme nur zu reden.“

Hammes-Scheidt trägt einen Kapitelring an der rechten Hand. Das bedeutet, er ist nach der Johannis-und Andreasloge noch eine Stufe höher angekommen. Die Freimaurer sind zwar immer Lehrlinge, arbeiten sich aber gleichzeitig erkenntnistechnisch nach oben. Dabei sind die so genannten Erkenntnisgrade bei den verschiedenen Logenarten unterschiedlich. Manche haben 33 Stufen, andere drei. Hammes-Scheidt mit dem Kapitelring ist kein rauer Stein mehr, so ein Freimaurerterminus für jemanden, der noch an sich arbeiten muss. Doch da widerspricht er sofort, und zwar, entgegen seiner sonstigen Art, mit Nachdruck: Ein Freimaurer sei immer ein Lehrling, er müsse immer an sich arbeiten. Freimaurer scheinen sich durch eine besondere Bescheidenheit auszuzeichnen. „Wir wollen nicht missionieren. Wir arbeiten an uns selbst, nicht an den anderen. Das ist ganz schön schwierig.“ Hammes-Scheidt versucht die Bedeutung der Rituale zu erklären. Sie schaffen Atmosphäre und sorgen für Abstand vom Profanen. „Wenn Sie darüber lesen würden oder es als Außenstehender sehen, könnten Sie es vielleicht als Kasperletheater wahrnehmen. Aber wenn Sie es intensiv erleben, erkennen Sie, dass das kein Mummenschanz ist.“

Sven Jösting, Bruder der Loge Roland, beschreibt die Wirkung der Rituale so: „Es hat etwas sehr Meditatives. Die Kerzen. Ich komme von draußen, aus der Hektik, und dann plötzlich Ruhe.“ Seine Loge ist eine Montagsloge. „Der Montag ist ein super Entree für meine Woche.“ Weltflucht? Nein, sagt er. Es werde zwar nicht über Religion und Parteipolitik gesprochen, aber durchaus über Dinge, die für die Gesellschaft wichtig sind. Auch er legt Wert darauf: „Wir bleiben immer Lehrlinge.“

Bernd Brauer ist der Meister vom Stuhl der Loge Roland in Hamburg, zu der Jösting gehört. Im profanen Leben leitet er die überbetriebliche Ausbildung des Bankenverbandes Hamburg. Der Begriff Meister vom Stuhl signalisiert, dass die Loge humanitär orientiert ist, weniger am Christentum. „Wir haben Muslime, Juden, Religionslose in unserer Loge. Die Religion spielt bei uns eine andere Rolle.“ Brauer ist 56 Jahre alt, hat graue Haare und trotz einer flotten Gestik eine ruhige, sachliche Ausstrahlung, in die er ab und zu einen ironischen Einschlag einbringt. Ganz ernst ist er jedoch, als er „eine Sternstunde unserer Loge“ schildert: Als der Irak-Krieg drohte, wollten die Logenbrüder darüber sprechen. Bei einigen sei klar gewesen, dass sie vehement gegen den Krieg sind, einige dagegen verstanden die Amerikaner. „Ich habe vier Brüder um kurze Statements gebeten, bei zwei von denen ahnte ich, dass sie eher positiv sind, bei den anderen, dass sie den Amerikanern gern in den Arm gefallen wären. Es ging hart her, aber es ist keine Bitterkeit geblieben.“ Einer der Brüder stammt aus Syrien und habe wichtige Informationen über den Islam geliefert. Und wie immer habe gegolten: Anerkennung kommt vor Bestätigung. Die Umgangsformen sind kultiviert, „sonst wird man ja zur Last“. Man lernt bei den Freimaurern, mit kontroversen Partnern umzugehen. „Man trennt sich davon, missionieren zu wollen.“

Brauer betont die extreme Toleranz des Freimaurertums. Es gelte das Prinzip, erst mal an sich selbst zu arbeiten und die anderen nicht zu belästigen. Beide Logen, Roland und Hanseatentreu, gehören zur Vereinigten Großloge von Deutschland, der übergeordneten Einrichtung aller deutschen Großlogen. Nicht zu verwechseln mit der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland, in der die Hanseatentreue organisiert ist.

An der linken Hand trägt Hammes-Scheidt noch einen Ring, allerdings zeigt der darauf abgebildete Zirkel und das Winkelmaß eine Stellung, die nicht dem der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland entspricht. Hammes-Scheidt erklärt: Den Ring hat ihm seine Frau geschenkt, die ihn in einem Antiquaritat gefunden hat. Es dürfte wohl ein englischer Ring sein, die Winkelstellung zeigt eindeutig, dass es ein Ring einer A.F.u.A.M-Loge ist. Das steht für Alte Freie und Angenommene Maurer. Die Loge Roland, deren Meister vom Stuhl Bernd Brauer ist, ist auch eine solche Loge. Beide Logenbrüder sind zudem bei der Vereinigten Großloge von Deutschland. Und es gibt weitere Überorganisationen. Die unterscheiden sich in Details, in kleinen Veränderungen am Ritual oder Ähnlichem. Aber da ist eine Grundidee, die allen gemein ist: Der Weg zum Ziel kann unterschiedlich sein.

Bei Bernd Brauer, Meister vom Stuhl der Loge Roland, im Büro. Er zählt auf, welche Berufe die Brüder haben: Beamter, Kaufmann, Rechtsanwalt, Arzt, Kapitän, Sozialarbeiter, Journalist, Psychologe, Grafiker, Dozent, Elektriker, Kfz-Meister. Auch ein Student ist dabei. Die Liste ähnelt stark der, die Hammes-Scheidt für seine Hanseatentreue aufgezählt hat. Die Altersspanne reicht von 22 bis 90, der Altersdurchschnitt liegt weit über 50. Brauer sagt noch einmal: Man muss es erleben, erklären geht nicht. Und: Man ist immer ein Lehrling, bis man in den ewigen Osten geht. Ein kurze Pause. Hat er einen Witz gemacht? Anscheinend nicht. Das ist eine Freimaurer-Umschreibung für den Tod.

Brauer erzählt, wie er zum Freimaurer wurde: Ein Kollege hat ihn angesprochen, es klang interessant. Er war auf Veranstaltungen, bei denen Gäste willkommen waren, wurde von Brüdern geprüft und schließlich Lehrling. „Den Wert und die Schönheit des Rituals habe ich erst kennen gelernt, als ich teilgenommen habe.“ So ähnlich klang das auch bei Hammes-Scheidt. Jemand lud ihn zu einem Vortrag ein und erklärte, er sei Freimaurer. „Da fiel bei mir erst mal die Klappe. Ich dachte an den KuKluxKlan, nahm aber die Einladung an, weil ich keine Vorurteile pflegen wollte. Die gingen dort mit mir um, als gehörte ich schon seit Jahren dazu. Das kommt aus dieser inneren Ausstrahlung, das kann man nicht fassen.“ Nein, beschreiben könne man die nicht. Er geht die Treppe hinab, vorbei an den Logen-Wappen. „Das Freimaurerische Geheimnis ist nichts anderes als das Erlebnis. Das ist wirklich das Einzige.“ -----|

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C. P.M. MAGAZIN 08/2007 - Geheimbünde

Die Wahrheit über die Freimaurer

Für viele sind sie ein Geheimbund mit obskuren Ritualen, bizarren Symbolen und seltsamer Sprache. US-Erfolgsautor Dan Brown will die Freimaurer in seinem neuen Buch sogar als Weltverschwörer enttarnen. Sie selber sehen sich den Werten der Aufklärung verpflichtet. Was stimmt?

Der elegant gekleidete weiß-haarige Herr, der sich als Doktor Michael Kraus vorstellt, sieht nicht so aus, als würde er Dienstmädchen schlachten oder Kinder opfern. Das müsste er eigentlich tun, denn er ist Chef der österreichischen Freimaurer – und Freimaurer machen sowas, wie ein auch heute noch weit verbreitetes Vorurteil behauptet. Solchen Leuten darf man natürlich auch anhängen, sie hätten alle möglichen Attentate und Revolutionen angezettelt – von den beiden Weltkriegen ganz zu schweigen.

Dass Bestsellerautor Dan Brown (»Illuminati«, »Sakrileg«), Weltmeister im Vernebeln von Geschichte, irgendwann auf dieses auflagenträchtige Thema anspringen würde, war zu erwarten: Ende dieses Jahres soll sein neuer Thriller erscheinen, in dem er den Einfluss der Freimaurerlogen auf die US-Politik enthüllen und sie sogar als geheime Weltverschwörer enttarnen will.

Für den distinguierten Herrn Doktor Kraus – im bürgerlichen Beruf (Bild) Geschäftsführender Gesellschafter einer Investment-Banking- Firma – ist das alles nicht so neu. Um mir seine Sicht der Dinge zu erklären, empfängt er mich im seinem Büro in der Wiener Wallnerstraße 3 – das Ambiente dieses Rokoko-Palais mit Marmorkamin, vergoldetem Spiegel und verspielter Stuck- Kassettendecke verleiht unserem Treffen den Charakter einer Audienz. Wie ein König thront er mir gegenüber auf seinem seidenbezogenen, goldverzierten Sessel.

Als ich ihn mit den Verschwörungstheorien über die Freimaurer konfrontiere, lächelt der König und verkündet mit milder Stimme: »Wir wissen natürlich, dass uns die große Mehrheit der Öffentlichkeit ominöse Machenschaften, Weltherrschaftsgelüste und sogar kriminelle Absichten unterstellt. Auch ist uns bewusst, dass wir nicht beliebt sind. Aber das ist uns nicht wichtig. Wir treten bewusst zurückhaltend auf, und trotzdem registrieren wir einen großen Zulauf junger Menschen.« Rein gar nichts habe seine Organisation mit jeglicher Art von Verschwörung zu tun, von unlauterer Verquickung mit der Politik könne ebenfalls keine Rede sein. Und dass Freimaurer über alle Interna schweigen, weise sie noch lange nicht als Geheimbund aus. Woher kommt dann ihr schlechter Ruf?

Immerhin zählte diese Organisation die größten Geister zu ihren Mitgliedern: Preußens König Friedrich II. und den römischdeutschen Kaiser Franz I.; die Staatsmänner Benjamin Franklin, George Washington, Gustav Stresemann, Aristide Briand, Winston Churchill, Salvador Allende und Mustafa Kemal »Atatürk«, den Staatsgründer der Türkei; die Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing, Johann Wolfgang von Goethe, Kurt Tucholsky und Carl von Ossietzky; das Musikgenie Wolfgang Amadeus Mozart sowie die Jazzmusiker Nat »King« Cole und Louis Armstrong. Und so weiter: Die Liste der geistigen Hautevolee in den Reihen der Freimaurer würde allein ein ganzes Buch füllen.

Dennoch glauben viele Menschen, dass diese Organisation mit dem Teufel unter einer Decke steckt. Dass hinter den geschlossenen Türen ihrer Tempel obskure Riten ablaufen. Dass sie sich nicht in die Karten gucken lässt, weil sie heimlich die Herrschaft über die ganze Welt vorbereitet. Dan Brown wird, das steht zu erwarten, diese Vorurteile wortreich bedienen.

Aber was ist Fakt, was Fiktion? Lässt sich überhaupt noch voneinander unterscheiden, was über Hunderte von Jahren so erfolgreich zu einer Verschwörungssuppe verquirlt wurde?

Dass die Gerüchteküche so heftig brodelt, hängt auch damit zusammen, dass sich die Freimaurer auf einen geheimnisvollen Gründungsmythos berufen, der tief im Dunkel der Geschichte wurzelt. Genauer gesagt: in der Hiramslegende im Zweiten Buch der Chronik des Alten Testaments. In Kapitel zwei ist hier von Hiram, dem Sohn einer jüdischen Witwe, die Rede. Er gilt den Freimaurern als der Architekt, der um 988 v. Chr. den Tempel König Salomons auf dem Tempelberg Morija in Jerusalem errichtet haben soll. Als »Baumeister« habe er die erste »Freimaurerloge« gegründet und dort das »Geheimnis« des Tempelbaus an Eingeweihte weitergegeben. Um an dieses Wissen, den »Schlüssel des Salomon«, zu kommen, haben – so die Legende – drei Gesellen Hiram überfallen und ihn getötet, ohne ihm aber das Geheimnis entreißen zu können.

Die Geheimnisspirale drehte sich weiter, als die Tempelritter ins Spiel kamen. Nach dem Kreuzzug zur Eroberung Jerusalems gründeten sie ihren Orden um 1120 neben den Ruinen des Tempels von Salomon. Im 15. Jahrhundert wurde ihre Organisation durch den Papst und die französische Krone zerschlagen, aber als Maurer verkleidet retteten sie sich an die schottische Küste – und dabei sollen sie das geheime Wissen über den Schlüssel des Salomon mitgenommen und in unsere Zeit hinübergerettet haben. Die Templer, so heißt es, sind die eigentlichen Gründer der modernen Freimaurer. Durch die Verbindung mit den Ordensrittern, über deren Einfluss und Macht bis heute die abenteuerlichsten Gerüchte kursieren (s. P.M. 3/2005), waren nun auch die Freimaurer im Reich der Verschwörungstheorien angekommen.

Der in Berlin lebende US-Journalist Tom Goeller, bis April Berater für die Pressearbeit der »Vereinigten Großlogen von Deutschland«, hat in seinem Buch »Freimaurer. Aufklärung eines Mythos« die Faktenlage rund um die Gründung der Freimaurer untersucht. Sein Urteil ist eindeutig: »Es gibt weder einen wissenschaftlich haltbaren Beweis dafür, dass die biblische Gestalt des Hiram der tatsächliche Architekt des Tempels von König Salomon war. Und es gibt auch keinen historisch gesicherten Beleg dafür, dass die Templer die Freimaurerei begründet hätten.« eindeutig: »Es gibt weder einen wissenschaftlich haltbaren Beweis dafür, dass die biblische Gestalt des Hiram der tatsächliche Architekt des Tempels von König Salomon war. Und es gibt auch keinen historisch gesicherten Beleg dafür, dass die Templer die Freimaurerei begründet hätten.«

Aber das Muster der Verschwörungstheorie braucht keine Fakten: Wenn die Freimaurer mit den Tempelrittern gemeinsame Sache machten, dann vielleicht auch mit anderen Mächten. Die infamste Idee, welche anderen Mächte dafür infrage kommen, stammt von Erich Ludendorff (1865 – 1937), führender deutscher General des Ersten Weltkriegs: Er beschuldigte die Freimaurer, Teil einer überstaatlichen Verschwörung zu sein, die zusammen mit dem Jesuitenorden, dem Judentum und der Kommunistischen Internationale das Deutsche Reich demütigen und knechten wolle.

Die Nationalsozialisten griffen diese Verschwörungstheorie auf und versuchten, sie durch »Verräterschriften« zu stützen. Eine dieser Schriften sind die so genannten »Protokolle der Weisen von Zion«, die angeblich den Inhalt von Tagungen am Rande des ersten Zionistenkongresses von 1897 in Basel festhalten. Sie sollen belegen, Juden und Freimaurer hätten sich zusammengetan, um eine Plan auszuhecken, wie man das christliche Abendland zerstören und eine Weltherrschaft unter gemeinsamer Regierung errichten könne. Hitler und seine Nazi-Schergen postulierten die Echtheit der Protokolle selbst dann noch, als ein Prozess in der Schweiz 1934/35 nachwies: Die Protokolle der Weisen von Zion sind eine Fälschung der zaristischen Geheimpolizei am Ende des 19. Jahrhunderts und dienten der Bekämpfung der Juden in Russland. In Deutschland ist die Veröffentlichung dieser Quelle antisemitischer Verschwörungstheorien verboten – aber in einigen Teilen der Welt sind die »Protokolle« heute so verbreitet wie nie zuvor! Ihre Wirkung war nicht nur für die Juden verheerend, sondern ebenso für die Freimaurer: Auch sie wurden verfolgt und enteignet; die Logen wurden aufgelöst, ihre Logenhäuser zerstört; Hunderte Freimaurer wurden umgebracht, die Archive der Organisation konfisziert. Diese Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten (wie auch die der italienischen Faschisten und der spanischen Francisten) besiegelte erst einmal den Untergang der Freimaurer in Europa.

Dabei hatten sie schon ganz andere Zeiten erlebt. Zeiten, in denen sie im Bewusstsein der Öffentlichkeit nicht das Böse repräsentierten, sondern das Gute – Zeiten, in denen sie mit den Werten der Aufklärung assoziiert wurden. Im 18. Jahrhundert gab es auf dem gesamten Globus keine anderen Staatsformen als Monarchien oder autoritäre Regime. Doch in Europa und in dem Land, das später die USA werden sollte, kamen plötzlich neue Ideen auf, die 1789 in der Französischen Revolution kulminierten: Nicht absolutistische Herrschaft sollte das gesellschaftliche Miteinander bestimmen, sondern »Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit«.

Der verschwiegene »Schutzraum« der Freimaurerlogen bot Tausenden den Werten der Aufklärung verpflichteten Männern (und vor allem in Frankreich auch Frauen, so die amerikanische Historikerin Margaret C. Jacob) die Möglichkeit, über neue Formen des Zusammenlebens nicht nur nachzudenken – sondern sie auch zu praktizieren. Was das Neue daran war, erklärt mir Michael Kraus in seinem Wiener Büro: »Die Freimaurerlogen waren im 18. Jahrhundert die einzigen Organisationen, in denen der Bürger mit dem Adligen, der Niedrige mit dem Höheren sowie Christen und Juden auf gleicher Augenhöhe verkehren konnten. In der Loge waren alle gleich, und was in den Logen besprochen wurde, sollte weder den König noch den Papst etwas angehen.«

Obwohl jedermann klar sein musste, welcher Zündstoff in diesem gesellschaftlichen Experiment steckte, setzte ein wahrer Boom ein, wie Andreas Gößling in seinem Buch »Die Freimaurer« schreibt: »Damals nahm der Drang zur Maurerloge die Züge einer Massenbewegung an.« Und da man sich nicht nur auf der Basis der Gleichheit begegnet sei, sondern einander auch absolute Verschwiegenheit gelobt habe, »stellte die Freimaurerei im 18. Jahrhundert für den absolutistischen Staat und für die katholische Kirche eine doppelte Provokation dar. Die Gleichheit stellte die vermeintlich gottgewollte Hierarchie infrage, auf der Gesellschaft, Kirche und Königtum damals nicht nur in England oder Frankreich noch immer beruhten. Die Verschwiegenheit, und das wog umso schwerer, verneinte die absolute Gewalt, die der Staat über Geist und Leib seiner Bürger und die Kirche über Gewissen und Seele ihrer Schäfchen beanspruchte«.

Dieses neue Denken war natürlich weder dem Klerus noch vielen weltlichen Herrschern jener Zeit genehm, und wahrscheinlich liegt hier die historische Wurzel des offenbar unsterblichen Argwohns gegen die Freimaurer. Aber wahr ist: Sie haben als Organisation keine Revolutionen angezettelt – auch wenn einzelne Mitglieder tatsächlich daran mitgewirkt haben. Allen voran Benjamin Franklin und George Washington, die großen politischen Einfluss ausübten und dafür sorgten, dass 1776 die amerikanische Unabhängigkeit ausgerufen wurde. Freimaurer haben auch maßgeblich das Gedankengut für die Französische Revolution von 1789 geliefert, ebenso für die – letztlich gescheiterte – deutsche Revolution des Jahres 1848. Aber die gesellschaftliche Basis für diese historischen Ereignisse lässt sich wohl kaum auf die Freimaurer eingrenzen.

Wer herausfinden will, wofür diese Organisation heute steht, schaut am besten zuerst einmal ins Vereinsregister. Hier findet man die Freimaurerlogen unter der Rubrik »eingetragene Vereine«. Sie sind also bürgerlich-rechtlich organisiert und damit verpflichtet, ihre Satzung, ihren organisatorischen Aufbau und die Besetzung ihrer Ämter zu veröffentlichen. Die Satzung der Freimaurer stammt aus dem Jahr 1723 (kurz zuvor im Jahr 1717 war damals die erste »Großloge von England« in London gegründet worden). Bis heute verpflichtet sie die Vereinsmitglieder zu »Humanität, Toleranz und Frieden« und der »geistig-ethischen Vervollkommnung des Menschen auf Erden«.

Organisiert sind die Freimaurer in Logen – ein Begriff, der sowohl für die Form des Vereins als auch für den Versammlungsort verwendet wird. Das Wort ist vom englischen »lodge« abgeleitet und bezeichnet die Bauhütten der freien (nicht zunftgebundenen) Steinmetze auf den Dombaustellen des Mittelalters. Was die wenigsten wissen: Die Traditionslinie der Freimaurerei führt eigentlich noch wesentlich weiter in die Geschichte zurück – sie beginnt genau genommen bereits bei den erheblich älteren islamischen Steinmetzen und ihren Männerbünden.

Jede Loge der Freimaurer agiert autonom, die Logen eines Landes sind in Großlogen organisatorisch zusammengefasst, diese wiederum in Vereinigten Großlogen. An der Spitze jeder Loge steht ein Meister, an der Spitze der Großloge ein Großmeister. Einer dieser Großmeister ist Michael Kraus in Wien, und als wolle er die immer noch bestehenden Vorurteile gegen die angebliche Geheimniskrämerei der Freimaurer entkräften, erklärt er mir: »Ich bin durch demokratische Mehrheitsentscheidung für eine gewisse Zeit an die Spitze der Bundes gewählt und danach wieder Bruder unter Brüdern, wie wir uns untereinander nennen.«

Mit Spekulationen über ihr undurchsichtiges Treiben haben die Freimaurer auch heute zu kämpfen. Dabei scheinen die Hauptprobleme ihre Verschwiegenheit, ihre für den Außenstehenden rätselhafte Sprache und ihre Tempelriten zu sein. Verschwiegenheit gilt den Mitgliedern als die Grundvoraussetzung für einen freien Gedankenaustausch. Schon die Aufnahme neuer Mitglieder steht unter diesem Diktum. Zwar unterscheiden sich die Kriterien für den Eintritt in eine Loge nicht von denen, die etwa bei den »Rotariern« oder dem »Lions Club« gelten: Aufgenommen wird man nur auf Empfehlung eines Mitglieds. Aber bei den Freimaurern kommt hinzu, dass sich Interessenten oft in monatelangen Vorgesprächen bei so genannten Gästeabenden zu bewähren haben.

Diese »Bewerbungsgespräche«, die vor 27 Jahren auch Kraus führen musste, waren für ihn eine einzigartige Erfahrung: »Es ist das tiefgreifendste emotionale Erlebnis für jeden von uns, von dem er sein ganzes weiteres Leben lang zehrt. Dass ich auf diese Weise von einer Sekunde zur anderen vollwertiges Mitglied in einer Gemeinschaft wurde, das habe ich in dieser Intensität noch niemals vorher erlebt.« Was genau bei der Aufnahmeprozedur passiert, wird jedoch nicht verraten, dazu haben sich alle Freimaurer freiwillig verpflichtet: »Die Aufnahme in den Freimaurerbund ist ein symbolischer Akt, an dem alle Brüder beteiligt sind«, sagt Kraus. »Wie und was wir dabei tun, soll in einem abgeschlossenen und nicht einsehbaren Raum passieren.« Das mag im Zeitalter der globalen Vernetzung etwas antiquiert klingen – den Vorwurf der Geheimbündlerei rechtfertigt es nicht.

Verstörend kann dagegen die rätselhafte Symbolsprache der Freimaurer wirken – eine Form der Kommunikation, die erst erlernt werden muss. Sie geht zurück auf die mittelalterlichen Dombau- Steinmetze. Diese Handwerker kannten alle Geheimnisse der Steinbearbeitung, der Geometrie und der Statik – ein Wissen, das es ihnen ermöglichte, so gewaltige Bauten wie den 157,4 Meter hohen Kölner Dom zu errichten. Um ihre Berufsgeheimnisse zu bewahren, entwickelten sie eine eigene Sprache und bestimmte Zeichen, die für Fremde unverständlich sind, aber immer noch Verwendung finden.

Nach den mittelalterlichen Vorbildern sind auch die Kleidungsstücke angefertigt, die die Freimaurer während ihrer Rituale tragen: zum Beispiel der Schurz der Steinmetze oder deren weiße Handschuhe, die das »reine Handeln« symbolisieren. Weitere Symbole aus der mittelalterlichen Arbeitswelt der Dombaustellen sind das Winkelmaß und der Zirkel. Das wichtigste Symbol jedoch ist das »Buch des Heiligen Gesetzes«: Es steht für die Gesamtheit sittlicher Normen und Werte, auf die sich die Freimaurer verpflichten, und wird oft durch eine im Tempel des Logenhauses ausliegende Bibel repräsentiert.

Der »Tempel« – eine begriffliche Reminiszenz an den salomonischen Tempel – ist das »Allerheiligste« in den Logenhäusern der Freimaurer. Hier wird die so genannte »Tempelarbeit« geleistet: die freimaurerische Sozialisation der Mitglieder. Ihr Ziel ist die in der Satzung festgelegte »geistigethische Vervollkommnung des Menschen auf Erden« – ein Weg, der über drei Stufen führt: vom »Lehrling« über den »Gesellen« zum »Meister«. Diese Begriffe kennzeichnen jedoch keine Hierarchie, sondern lediglich unterschiedliche Grade der Selbstfindung. Der dreistufige Weg ist charakteristisch für die so genannte »blaue« Freimaurerei; daneben gibt es auch die »rote« Freimaurerei, die bis zu 33 Grade der Vervollkommnung unterscheidet.

Alles zusammen – die Verschwiegenheit, die hermetische Sprache, die besondere Zeichen-und Symbolwelt sowie die Tempelarbeit – dürfte der Grund dafür sein, dass die Freimaurer vielen irgendwie unheimlich vorkommen. Und wer im Internet Informationen über die Organisation sucht, um sich Klarheit zu verschaffen, gerät leicht auf die falsche Fährte: Der Begriff Freimaurer ist nicht geschützt – deshalb kann man sich schnell auf einer der vielen rechtsradikalen Websites wieder finden, die sich hinter dem Suchwort verstecken. Auf solchen Seiten haben auch jene Vorurteile gegen Freimaurer überlebt, die sich bereits im »Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens« von 1930 finden: dass während der Tempelrituale Dienstmädchen geschlachtet und Kinder geopfert werden, dass der Tempel schwarz tapeziert ist und darin ein Sarg steht sowie ein Tisch mit Totenkopf und Schwert.

Wie es in den Tempelräumen tatsächlich aussieht, ist für Außenstehende schwer zu erkunden – und für eine Frau allemal, denn das Allerheiligste ist in der Regel den Männern vorbehalten. Die meisten Logen nehmen auch heute noch ausschließlich männliche Mitglieder auf; inzwischen gibt es jedoch eine steigende Zahl an Frauen- sowie gemischtgeschlechtlichen Logen. Das Haus in der Wiener Rauhensteingasse 3 ist eine der typischen Männerlogen – dennoch gelingt es mir, Großmeister Kraus zu überreden, mir Einlass in den Tempel zu gewähren. Von schwarzen Wänden und dem anderen Hokuspokus kann keine Rede sein – helles Blau empfängt mich. Denn dies hier ist eine blauge Loge – auch »Johannisloge« genannt, nach Johannes dem Täufer, der als Schutzpatron der Freimaurer gilt.

Wenn man all das von innen sieht, wundert man sich, dass dieser Organisation, die in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg neu gegründet wurde, immer noch der Nimbus der Geheimgesellschaft anhaftet. Dass sie immer noch im Zentrum von Verschwörungstheorien steht. Seit je machen Neonazis im Internet gegen die »jüdisch-freimaurerische Weltverschwörung« mobil. Auch die russisch-orthodoxe Kirche vermengt die alte Propaganda von der Konspiration der Logen mit Antisemitismus. Und für die katholische Kirche in Deutschland war die Mitgliedschaft eines Katholiken in einer Loge noch bis 1983 eine »schwere Sünde«. Von Dan Browns Buch über die Freimaurer wird man wohl ebenfalls kaum erwarten können, dass es sachlich mit dem Thema umgeht, wenn es die große Masse nach dem Thrill der Verschwörung gelüstet. »In dem Maße, wie die Welt komplexer wird, wächst die Anhängerschaft von Verschwörungstheorien«, sagt der Berliner Politologe Armin Pfahl-Traughber – und es klingt in meinen Ohren fast wie eine vorgezogene Rezension.

Was beim unbefangenen Blick auf die Freimaurer schließlich am meisten verblüfft, ist ein eigenartiger Widerspruch: Wieso verzeichnet eine Organisation mit derart schlechtem Image in neuerer Zeit einen Zuwachs an Mitgliedern? Weltweit zählt sie sechs Millionen Brüder (und Schwestern) – Tendenz steigend. In Deutschland gibt es rund 14000 Freimaurer, in Österreich 2800 – Tendenz ebenfalls steigend. Dasselbe gilt für die osteuropäischen Staaten sowie für Asien und Lateinamerika.

Ein Grund dafür dürfte die neue Offenheit der Logen sein. Bislang haben sie so gut wie jede Form von Öffentlichkeitsarbeit gemieden – jetzt entdecken vor allem die amerikanischen Freimaurer die Medien für sich: In Washington haben sie zusammen mit dem TVPDF created with pdfFactory trial version www.pdffactory.com Kanal der »National Geographic Society« und dem »History Channel« drei seriöse Dokumentationen über ihre Organisation erstellt; eine davon wurde in diesem Frühjahr auch im deutschen Fernsehen gezeigt. Darüber hinaus ist hierzulande eine Reihe neuer Bücher über die Freimaurer erschienen, darunter die Insider-Werke von Michael Kraus und Tom Goeller. Außerdem haben die Logen ihre Archive der Forschung geöffnet. aus ist hierzulande eine Reihe neuer Bücher über die Freimaurer erschienen, darunter die Insider-Werke von Michael Kraus und Tom Goeller. Außerdem haben die Logen ihre Archive der Forschung geöffnet.

So könnte es irgendwann vielleicht doch gelingen, dass endlich Sachlichkeit in die Debatte um das wahre Wesen der Freimaurer einzieht. Ein paar Teilschritte in die Richtung sind ja schon erreicht. Die Freimaurer sind keine Religion, sagen die Amtskirchen. Sie sind keine Sekte, sagt die zuständige Enquetekommission des Bundestags. Und sie sind keine Partei. Was sind sie dann? Sicher keine Verschwörer. Sondern eine Organisation, die – durchaus mit einer gewissen elitären Attitüde – humanitäre Ziele verfolgt. Insofern kann sie Menschen in einer sich immer mehr dynamisierenden Welt sehr wohl Halt und Orientierung geben. Und wie sehen sich die Freimaurer selbst? »Wir sind ›Sozialkapital‹ – ohne ideologische Einschränkungen«, sagt mir Großmeister Kraus zum Abschied. »Denn wir bieten lebenslange Bindungen und Freundschaften, in einer Zeit, in der Werte zerfallen.«

Autor(in): Manon Baukhage
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