„Tafellogen und Stiftungsfeste“ von Br. Jens Rusch
Krankengeschichten sind langweilig und aufdringlich. Es sei denn, sie spiegeln die eigene Erfahrungswelt wider – dann können sie plötzlich sehr interessant werden.
Ich schildere meine Krebs-Spätfolgen, weil es in Deutschland über 70.000 Betroffene gibt. Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass sich darunter auch Brüder befinden.
Seit einigen Jahren kann ich nicht mehr an unseren Tafellogen teilnehmen. Brüderliche Geselligkeit bei Stiftungsfesten gibt es für mich nicht mehr – und ich weiß, dass ich damit nicht allein bin.
Ich bin zwar ein Krebsüberlebender, ein sogenannter „Longtime Survivor“, aber ein leichter Schlaganfall vor drei Jahren katapultierte mich in eine weitere Kategorie: die neurokognitive Dysphagie.
Das bedeutet schlicht, dass die Funktionen des Kehlkopfes nicht mehr automatisch ablaufen, sondern bewusst gesteuert werden müssen.
Zudem hat die Entfernung eines daumengroßen Stücks Muskel im Zungengrund die ohnehin komplizierten Bewegungsabläufe des Schluckens drastisch verändert. Der Schlund hat gefühlt nur noch den Durchmesser eines Bleistifts. Ein Kandidat für Süppchen und Breilein also.
Wer schon einmal sein Abendessen in einem vollbesetzten Restaurant auf den Teller zurückbringen, also erbrechen musste, um nicht zu ersticken, kann vielleicht erahnen, wovon ich spreche.
Da der Kehlkopf seine „Gullideckel-Funktion“ nicht mehr zuverlässig erfüllt, gelangt Nahrung immer wieder in die Luftröhre. Jede Mahlzeit kann so im Extremfall zum Abschiedsessen werden.
Seit einem Vierteljahrhundert verstehe ich mich als eine Art Seismograph an der Krebsfront, der Mankobereiche im deutschen Gesundheitswesen sichtbar machen möchte. Aus diesem Impuls heraus habe ich die Aktion „Kulinarische Inklusion“ ins Leben gerufen.
Nahezu alle fachlichen Informationen über Dysphagie erhielt ich über entsprechende Patientenorganisationen und Selbtshilfegruppen, kaum jedoch über Kliniken und Fachärzte. Im Abrechnungssystem unserer Krankenhäuser ist die Behandlung von Spätfolgen leider kein relevanter Wirtschaftsfaktor. Nur wenige Kliniken bieten ein gezieltes Schlucktraining für Kehlkopflose oder Menschen ohne Gaumenplatte, Speiseröhre oder Zunge an. Hier liegt ein dunkler Schattenbereich unseres Gesundheitswesens.
Hinzu kommt, dass die gesellschaftliche Isolation vieler Betroffener – die faktisch vom gemeinsamen Essen ausgeschlossen sind – nicht selten zu schweren Depressionen führt.
Aus all diesen Gründen begann ich vor etwa einem halben Jahr, Restaurants und Gaststätten dafür zu gewinnen, ihre Speisekarten zu überdenken. Dabei stieß ich erfreulicherweise auf große Offenheit bei einigen Köchen. Oft waren es Menschen, die selbst Krebsfälle im Freundes- oder Familienkreis erlebt hatten. Doch ich lernte auch etwas anderes kennen: Empathie und kreativer Ehrgeiz scheinen in diesem Beruf erstaunlich häufig anzutreffen zu sein.
Es entstanden erste Gerichte, die püriert und reizarm angerichtet werden, aber kaum noch an Krankenhaus-Schonkost erinnern. Einige Restaurants weisen inzwischen auf ihren Speisekarten darauf hin, dass solche Gerichte ohne Aufpreis bestellt werden können.
Und ich stellte mir vor, wie großartig es wäre, wenn sich auch die Restaurants unserer Logenhäuser dieser Kampagne anschließen würden.
Vielleicht befinden sich unter unseren Brüdern auch Köche, die für Menschen mit Schluckproblemen etwas Schmackhaftes „aus dem hohen Hut“ zaubern können.
Ich sammle derzeit Rezepte für Dysphagie-Patienten und würde gern ein Buch daraus zusammenstellen – sofern meine persönliche Restlaufzeit dies noch erlaubt. Ende April werde ich immerhin 76 Jahre alt. In den sozialen Medien habe ich daher einen Spendenaufruf veröffentlicht – anstelle von Geburtstagsgeschenken.
Die Roland-Stiftung meiner Hamburger Loge hat bereits 2.000 Euro gespendet. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieses empathische Beispiel Schule machen könnte.
Wenn jede unserer Logen der Aktion „Kulinarische Inklusion“ nur einmal im Jahr die Gaben der Liebe widmen würde, ließe sich ein schweres Problem auf viele Schultern verteilen.
Bruder Jens Rusch
März 2026
